Der Winter und die Bahn – Früher war alles besser.

Veröffentlicht am Dezember 20, 2010

7


“Kälte-Dezember” – Die Bahn ist überfordert titelt der Stern. Daß ich nicht lache. Wir haben keinen “Kälte Dezember” sondern einfach nur Winter. Einen Winter wie ich ihn nicht nur aus meiner Kindheit kenne, sondern einen Winter, wie er auch vor 10 Jahren noch nicht so unüblich war.

Züge fallen aus, ICE und Intercitys fahren mit reduzierter Geschwindigkeit

Diesmal müssen die Züge fahren, pünktlich – egal ob es stürmt oder schneit. „Wir dürfen uns in diesem Winter keinen Patzer leisten. Sonst ist der letzte Rest an Vertrauen verspielt“, sagt ein hochrangiger Manager der Bahn. Aber so weit werde es nicht kommen, beteuert Bahn-Chef Rüdiger Grube: „Die Bahn ist winterfest.“ Es sehe zwar nach einem Jahrhundertwinter aus. „Aber wir haben uns intensiv darauf vorbereitet.“

Das war vor einem Monat. Dann beginnt es zu schneien.
Eis und Schnee setzen der Bahn und ihren Fahrgästen zu. Es gibt erhebliche Verspätungen, teilweise fielen sogar Züge aus. In ganz Deutschland wurde die Höchstgeschwindigkeit der ICE und Intercitys begrenzt, um Schäden an den Fahrzeugen zu vermeiden.

Früher war alles besser

… da fuhren Züge auch noch bei -30 Grad. Da funktionierten die Weichen auch bei Minustemperaturen, der Fahrplan wurde eingehalten und der Anschlußzug mußte nicht warten weil der eigene pünktlich ankam. Die Wagons waren besser ausgestattet, die Sitze bequemer und man konnte im Speisewagen nicht nur vorzüglich essen, sondern zum Kaffee auch Rauchen.
Früher fuhr die Bahn selbstverständlich (wo kämen wir den da hin?) auch im Winter pünktlich und der Geruch von Kohlefeuer, Dampf, Tabak, Kaffee und Maschinenöl, der den Zug und den Bahnhof durchzog war köstlich.

Dick eingepackt in zweckmäßige Winterreisekleidung aus kariertem Tweet betrat man – aus der eisigen Kälte kommend das gemütlich beleuchtete (nix Energiesparlampen) Abteil mit seinen ausladenden Clubsesseln. Die Heizung spendete milde wärme und am Fenster konnte man Eisblumen pflücken.

Aus gegebenem Anlaß, habe ich deshalb mal nachgesehen wie das früher war, als die Bahn noch nicht versucht hat sich in den Totalausfall zu sparen.

Werfen wir doch mal einen Blick auf die Bahn im Winter 1951 / 52, kurz vor Weihnachten.
wo die Schnee und Temperaturverhältnisse in etwa denen entsprechen, die wir heute auch erleben. Dem Bahntagebuch eines Reisenden kann man entnehmen, daß die Bahn damals durchaus in der Lage war, ihn von Norddeutschland nach Bayern zu transportieren, ohne daß auf der gesamten Strecke und. trotz vielfachen Umsteigens, auch nur ein Zug Verspätung hatte.

Temperaturen zwischen -7 und -15 Grad, starker Schneefall – die Bahn ist pünktlich.
Es sind allein an den Gleisen mehr Arbeiter beschäftigt als heute in einem ganzen Bahnhof.
Damals hatte die Bahn auch noch über 600.000 Mitarbeiter. Bahnwärter, die für bestimmte Gleisabschnitte zuständig waren und Mechanische Stellwerke mit Personal vor Ort. Da war es nicht schwer die Strecken rechtzeitig zu räumen und die Weichen gängig zu halten. Notfalls hat man sie von Hand umgestellt.

Ein Reisender notiert:

Jetzt kommt immer mehr Schnee vom Himmel, so dicht, dass wir immer weniger sehen. Nach rechts blickend, sucht das Auge den See, der aber kaum noch auszumachen ist, und auch links können wir im Lokalbahnhof den Anschluss nach Oberammergau mehr erahnen, denn sehen. Bayerische Wagons hinter einer E 69…, aber wie gesagt … der Schneefall wird immer dichter. Arbeiter sind mit dem Räumen beschäftigt.

Der Reisende erreicht selbstverständlich seinen Anschlußzug, denn die Bahn hat wegen des Schnees keine Verspätung. Weil jeder wußte was Winter bedeutet hatte man sich rechtzeitig darauf eingestellt.
Bei extremen Schneefall wurden die Gleise damals, noch während der der Nacht mit riesigen Dampfschneeschleudern und Scheepflügen geräumt, so daß der Betrieb am nächsten Tag reibungslos ablaufen konnte.

Aus einem Interview mit einem Zugbegleiter der DB im Winter 2010:

„Kassel an einem Freitag im Dezember. Der ICE nach Hamburg, den ich übernehme, ist voll. Restlos überfüllt. Eigentlich sollte er aus zwei Zugteilen bestehen, gefahren wird nur mit einem. Die Fahrgäste wollen wissen warum, ich kann keine Antwort geben. Mich als Zugchef hat man nicht darüber informiert. Reservieren ist nicht mehr möglich – wer es getan hat, kommt zu seinem Platz ohnehin nicht durch. ie Menschen stehen in den Gängen, drängeln. Beim Halt an den Bahnhöfen bilden sich vor den Türen riesige Menschentrauben, wir verlieren bei jedem Stopp fünf bis sieben Minuten. Dabei war der Zug schon in Kassel eine halbe Stunde zu spät. Ankunft in Hamburg-Altona 103 Minuten verspätet. Ein paar Gleise weiter steht der ICE nach Hannover, fertig zur Abfahrt. Er wartet, voll mit Passagieren, seit einer Dreiviertelstunde – auf uns. Wir sind das Zugteam, das ihn übernehmen soll. Aber wir sind eben viel zu spät in Hamburg angekommen. Es gibt keinen Ersatz für uns, daher müssen die Leute warten. Wir sind einfach zu wenig Personal. Ich habe im vergangenen Jahr 175 Überstunden angesammelt, praktisch 13 statt 12 Monate gearbeitet. Die Fahrgäste im ICE nach Hannover sind verärgert, ich werde angepampt. Es gab die ganze Zeit keine Ansage und Erklärung für die Verspätung. Ich melde den Zug fertig zur Abfahrt, aber es passiert nichts. Endlich der Triebfahrzeugführer: Er hat eine technische Störung. Ursache unbekannt. Ich sage durch, dass sich die Abfahrt verzögert. Der Fahrzeugführer muss die Technikhotline anrufen. Das kann dauern. Ich sage durch, dass aufgrund der Störung mit einer weiteren Verzögerung zu rechnen ist.
Rückmeldung von der Hotline. Per Telefon versucht man gemeinsam das Problem der blockierten Federspeicherbremse zu lösen. Derweil haben wir wieder die Türen freigegeben, die Leute steigen aus, wollen wissen, wie sie nach Süden kommen. Ich kann nicht weiterhelfen, weil die Anschlüsse der Transportleitung alle belegt sind. Schließlich suche ich selbst nach Alternativen. Endlich meldet sich die Transportleitung und sagt Alternativzüge durch. Aber die Abfahrt-Bahnsteige stimmen nicht, weil die Weichen vor dem Bahnhof eingefroren sind. Die Züge werden durchgeleitet, wo es noch möglich ist.
Die Technikhotline gibt durch, dass die Störung nicht behoben werden kann, die Bremse ist eingefroren und bleibt fest. Etwa eine Stunde nach der geplanten Abfahrt muss ich durchsagen, dass der Zug ausfällt. Die Fahrgäste sollen mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof. Um 23.30 Uhr bin ich schließlich zu Hause, um 5.30 Uhr muss ich wieder aufstehen zur nächsten Schicht. Ich bin müde, ausgebrannt. Und morgen wird es sicher nicht besser laufen.”

Eisblumen am Fenster – Abfahrt statt Abbruch

Früher war alles besser. Die Loks waren robuste, auf Langlebigkeit ausgelegte Qualitätsprodukte deutscher Ingenieurs und Maschinenbau-Kunst. Natürlich hatten die Ingenieure auch den Winter bedacht, deshalb gab es früher auch kaum Ausfälle wegen Kälte und Schnee.
Heute haben wir es mit Schönwetterzügen zu tun, deren Betrieb unter 0 Grad und über 25 Grad nicht mehr gewährleistet ist.

Gediegener Komfort statt Plaste und Elaste

Früher war alles besser. Nicht nur daß die Bahn pünktlich war, sie war auch komfortabel.
Gemütliche Abteils mit Nussbaum- und Ahorntäfelung und ausladende Sitzlandschaften, statt der heute üblichen geschmacklosen, billigen, Plastikeinrichtung und unbequemen Hartschalensitzen.

Gemütliches Essen mit Aussicht, statt Abspeisen und Abzocken.

Auch die Qualität und die Bedienung im Speisewagen übertrifft die heutige bei weitem.

Unser Reisender notiert:

Durch die Seitengänge streben wir dem Speisewagen entgegen, der uns mit viel Wärme und einer Geruchsmischung aus warmer Küche und Tabakrauch empfängt. Es ist nicht voll, aber etliche Plätze sind besetzt. Und in diesem Speisewagen ist auch die volle Besatzung an Bord. Ein Oberkellner, zwei Kellner, Koch, Küchenhilfe und ein Silberputzer.

Der Kellner hat sich kerzengerade vor uns aufgebaut. Die kurzen Haare rasiermesserscharf auf Facon getrimmt, das Livree-Jackett blütenweiß, die schwarzen Hosen mit Bügelfalten, so scharf, dass man mit ihnen auch Brot hätte schneiden können.
Es gibt Lendenstück mit Bratkartoffeln, trefflich vorgelegt von silbernen Platten, zwei Flaschen 49er Ahrburgunder, Spezialabfüllung der DSG-Kellereien in Traben-Trarbach, und drei dicke Handelsgold-Zigarren, mit denen wir kindisch Kringel in die Luft pusten.

Ja so war das damals, RAUCHEN IM SPEISEWAGEN – und dann auch noch Zigarren – Und auch wenn es kaum zu glauben ist, NIEMAND ist aufgestanden und hat sich deshalb beschwert, hüstelnd mit der Speisekarte gewedelt oder sonstwie rumgezickt. Rauchen gehörte selbstverständlich zum Abschluß eines guten Essens.

Der Kellner nickte: „Sehr wohl, die Herren, Bohnenkaffee oder Tee?“ „Kaffee, den doppelt starken, bitte.

Wir zahlen, geben sehr ordentlich, aber nicht größenwahnsinnig Trinkgeld in den Tronc, was unser Kellner mit einem distinguierten „sehr freundlich“ quittiert, aber seine etwas geweiteten Augen verraten, welch große Freude ihm der Extra-Schein zwei Tage vor Weihnachten bereitet. Doch plötzlich lässt er alle Zurückhaltung fahren – “Einen Moment, bitte” -, geht zu seinem schmalen Pult, holt etwas Grünes hervor, das er mir feierlich überreicht – ein Amtliches Kursbuch Südwestdeutschland. “Ich habe Ihrem Gespräch über Fahrpläne zugehört, das war nicht meine Absicht, aber da dachte ich, Sie könnten dies hier vielleicht gebrauchen.”“

Aus einem Interview mit einem Zugbegleiter der DB im Winter 2010:

Ich übernehme den ICE am Flughafen, der um 16.12 Uhr abfahren soll – und sehe, dass das eine ungemütliche Fahrt wird, mit hungrigen, verärgerten Kunden. Am Sicherungskasten im Speisewagen klebt ein Stück Pappe, darauf folgende Sätze: ,Spülmaschine hat beim Einschalten der Waschpumpe Kurzschluss. Maschine muss getauscht werden, im Werk München kein Ersatz.‘ Unterschrift, München, Datum. Immer wieder dieses leidige Problem, vor allem beim ICE 1.

Ein Blick auf den Kalender zeigt, dass dieser Zug seit fünf Tagen ohne Spülmaschine durchs Land fährt. Dabei war er vergangene Nacht im ICE-Werk Berlin-Rummelsburg, dort hätte man die Pumpe tauschen können. Aber vermutlich war wieder keine Zeit. Oder es gab keine Ersatzteile. Es gibt selten Ersatzteile. Ohne Spülmaschine kein Essen, jedenfalls nach kurzer Zeit nicht mehr. Wenn das Geschirr alle ist, muss das Bordrestaurant schließen oder alles auf Pappe verkaufen. Abspülen von Hand ist aus Gründen der Hygiene verboten.

Kultivierter Tabak Genuß statt unkultivierter Verbote

Aus dem Reisetagebuch 1951:

Im Raucherabteil sind die Männer klar in der Überzahl. Jedwedes Rauchwerk qualmt vor sich hin. Filterlose, lange Pfeifen, Stumpen, aber das Einnebeln scheint in freundlichstem gegenseitigem Einvernehmen vonstatten zu gehen. Es wird fröhlich geplaudert und man rückt zusammen,.

Tanz- und Gesellschaftswagen statt muffiges Plastik-Bordbistro

Für die damaligen Verhältnisse – die D-Mark war nicht einmal zwei Jahre alt, die Arbeitslosigkeit war noch hoch, viele Menschen lebten in armen Verhältnissen – war der Alpen-Märchen-Express mit seinen mit Märchenmotiven ausgeschmückten C4i-Wagen, den aus Stehwagen umgestalteten Tanzwagen mit Live-Musik, schon ein Stück Luxus.


.

Aus einem Interview mit einem Zugbegleiter der DB im Winter 2010:

Draußen ist es eisig und im Zug nicht viel wärmer, zumindest im Speisewagen des ICE Richtung Ruhrgebiet, den ich übernehme. Die Fahrgäste sitzen an den Tischen und haben Mäntel an. Die Heizung heizt nicht. Wieder einmal. Schicke eine SMS an die Technikhotline. Ein Kollege meldet sich umgehend: ,Da können wir auch nichts machen. Aber tröste dich. Der Zug ist so schon mehrere Tage unterwegs.‘

Die Passagiere kauern dick vermummt, und das Personal arbeitet im Laufschritt, um sich warm zu halten – oder geht immer mal wieder in die Nachbarwagen, um sich aufzuwärmen.

Früher war alles besser. Heute ist die Bahn nur noch DB und ein Schatten ihrer selbst. Zu Tode gespart von gierigen, rücksichtslosen, inkompetenten “Managern”. Die Technik läuft immer am Limit – ohne jegliche Reserve und die alten Hasen, die noch wußten wie man Fahrpläne einhält – auch im Winter – wurden längst gefeuert. Die sprichwörtliche Pünktlichkeit, auf die früher so viel Wert gelegt wurde ist taugt nicht mal mehr zum Treppenwitz.
Auch sonst gleicht der Betrieb mehr einem Viehtransport in einem Entwicklungsland, wenn er denn überhaupt stattfindet und nicht wegen einem ganz normalen Winter weitgehend eingestellt werden muß.

Früher war eben doch alles besser. Das einzige worauf man sich bei der Bahn noch wirklich verlassen kann, ist die nächste Preiserhöhung.

I told you so.

Veröffentlicht unter:I told You so, Täglicher Wahnsinn