John Mulholland der “Dirty Tricks” Magier der CIA

Veröffentlicht am Januar 2, 2010

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Zu den bizarrsten Geschichten des Kalten Kriegs gehört die streng geheime Zusammenarbeit der CIA mit John Mulholland, dem amerikanischen Star-Magier der 50er Jahre. Der erfahrene Trickexperte sollte die politischen Falschspieler in die Kunst der Täuschung einführen, bewährte Tricktechniken für das Spionagehandwerk adaptieren und für die Agenten Tricks entwickeln, um Gegnern psychedelische Drogen zuzuführen oder sie zu töten. Nach über einem halben Jahrhundert wurde sein Handbuch für Agententricks, das lange für einen Mythos gehalten wurde, im November 2009 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Der 1947 gegründete Auslandsgeheimdienst CIA benötigte dringend Erfolge. Allen Dulles, der sich bislang mit der Abteilung “Special Plans” – intern genannt: “Dirty Tricks Department” – begnügen musste, war im Zuge des Regierungswechsels vom neuen Präsidenten Eisenhower zum Direktor ernannt worden. Da die CIA mit dem Aufbau von Spionagenetzen im Osten meistens schon im embryonalen Stadium gescheitert war, bemühte man sich, den Mangel an menschlichen Quellen durch Ausbau von abhörtechnischen Programmen sowie durch schmutzige Operationen wie “False Flag”-Angriffe zur Diskreditierung politischer Gegner auszugleichen.

Doch der ultrakonservative Dulles, der mit seinem Bruder, dem Außenminister John Foster Dulles das Herz der amerikanischen Republikaner repräsentierte, hatte weitaus drastischere Methoden im Sinn: politischen Mord. So hatte er Eisenhower vorgeschlagen, Stalin bei einem Besuch in Paris durch einen Präzisionsschützen erschießen zu lassen. Der chinesischen Regierung wollte er sich durch ein Flugzeugattentat entledigen.
Obwohl Weltkriegsgeneral Eisenhower im Töten alles andere als unerfahren gewesen war, verweigerte er seine Zustimmung. Dulles zog aus der Haltung des Präsidenten die Konsequenz, seinem Vorgesetzten seine Pläne zu verschweigen, angeblich um den Präsidenten zu schützen.

“Anything goes” lautete Dulles Parole, um endlich Punkte im Großen Spiel der Supermächte zu machen. So unkonventionell (und weitgehend erfolglos) der Weltkriegsgeheimdienst OSS gearbeitet hatte, so progressiv sollte auch die CIA an ihren Methoden und Strategien arbeiten – mit allen denkbaren schmutzigen Tricks. Das kontroverseste Programm hielt Dulles nicht nur vor dem eigenen Präsidenten geheim, sondern ein Jahrzehnt später sogar vor seinem Nachfolger John McCone. Aus gutem Grund, denn die CIA arbeitete nun an etwas satanischem, was sie selbst ihrem Feind propagandistisch unterstellte: Gehirnwäsche, willenlosen Agenten und trickreichem Mord. Nachdem viele Heimkehrer aus koreanischer Kriegsgefangenschaft das US-Engagement öffentlich als falsch brandmarkten, den Gebrauch von Biowaffen durch das US-Militär beteuerten und sich sogar positiv zum Kommunismus äußerten, argwöhnte man die Existenz von Gehirnwäschetechniken. Was der Feind konnte, das musste in der McCarthy-Ära die CIA erst recht können. Daher befahl Dulles das streng geheime Programm MKULTRA.

Die Leitung des Projekts übertrug Dulles seinem Stellvertreter Richard Helms. Als Personal wünschte Helms wie der elitär denkende Dulles die Besten der Besten. Über ggf. zwischengeschaltete Scheininstitute heuerte er die namhaftesten Experten für Chemie, Psychologie und Medizin an, deren er habhaft werden konnte. Diese sollten herausfinden, ob man durch psychologische Programme, Wahrheitsdrogen, Elektroschocktherapien und Hypnose Menschen umprogrammieren könne. In Anlehnung an “ULTRA”, dem geheimsten Programm des Zweiten Weltkriegs zur Dechiffrierung deutscher Codes, nannte man das Porjekt zur Dechiffrierung des menschlichen Geistes “MKULTRA”. “MK” soll angeblich für “Mind Kontrol” gestanden haben, wobei das falsche “K” ein bewusster Fehler zur Irreführung sei. Ähnlich spleenig war die Namensgebung etwa einer der Tarnfirmen “Chemrophil Associates” gewesen: Das “l” konnte auch als großes “I” gelesen werden, sodass die Großbuchstaben die CIA durchscheinen ließen. Nichts war, wie es schien. Tatsächlich hatten die US-Spione ein sehr naives Verhältnis zu derartigen Code-Bezeichnungen. So wählten etwa viele Agenten Tarnnamen mit Initialen, die ihren tatsächlichen Namen entsprachen. Bei Täuschungskünsten auf diesem Niveau war es nur eigentlich konsequent, professionelles Know How einzukaufen.

“Sherman C. Grifford” war mit “Samuel A. Granger” identisch, der mit einem gewissen “Robert V. Wittstock” die “Granger Research Company” leitete. Die Firma war tatsächlich nur ein weiteres Fake, um MKULTRA-Gelder an zivile Forscher auszahlen zu können. “Grifford” hieß in Wirklichkeit Dr. Sidney Gottlieb. Als Chemiker leitete er das Office of Technical Service (OTS), das Geheimtinten, aber auch Gifte und Drogen entwickelte und dort MKULTRA koordinierte. Hinter “Wittstock” verbarg sich sein Stellvertreter Dr. Robert V. Lashbrook, Gottliebs Stellvertreter. Wie sich aus einer Notiz aus dem Mulholland-Nachlass schließen lässt, war dem Magier Gottliebs Klarname erstaunlicherweise bekannt. Und Mulholland wusste auch, welche Ziele MKULTRA verfolgte: Menschen zu willenlosen Dronen zu manipulieren.

Mulholland kannte sich natürlich auch mit Mentalmagie aus, der Kunst, übersinnliche Phänomene wie Gedankenlesen und Hellsehen vorzutäuschen sowie die Grenzen der menschlichen Psyche für Unterhaltungszwecke auszunutzen, etwa für Suggestion und Showhypnose. Entgegen der Meinung mancher Wissenschaftler hielt es Mulholland durchaus für möglich, durch Hypnose Menschen in willenlose Attentäter u.ä. zu verwandeln – eine bis heute unbewiesene These.

Die CIA interessierte sich auch für Mulhollands Meinung über Hellseher, welche der Agency beim Auskundschaften des Feindes behilflich sein sollten. Zahlreiche Leute im Geheimdienst hingen solchen Methoden tatsächlich an, was keineswegs auf die CIA beschränkt war. Viele politische Entscheidungsträger, sogar der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer, pflegten Wahrsager zu konsultieren. Mulholland, ein eingefleischter Skeptiker, begutachtete die Arbeit einiger Personen, die seherische Fähigkeiten beanspruchten, kam jedoch zu negativen Ergebnissen.

Mulholland schrieb für die CIA zwei Handbücher, von denen eines erhalten ist. Er sollte den CIA-Leuten beibringen, wie ein Zauberkünstler denkt und wie Täuschungen tatsächlich funktionieren. Der Praktiker verfasste daher ein allgemeines Kapitel, in dem er viele laienhafte Fehlvorstellungen über Zauberkunst ausräumte, etwa das Klischee, die Hand sei schneller als das Auge – ironischerweise war genau das der Titel eines sehr erfolgreichen Zauberbuchs Mulhollands gewesen.

Um die Wirkung von LSD an unfreiwilligen menschlichen Versuchskaninchen zu testen, bemühte die CIA keine kleinen Zaubertricks, sondern inszenierte ein ganzes Bordell, in welchem angeheuerte Prostituierte ihren Kunden präparierte Drinks servierten. Die dort angebrachten Spiegel dienten weniger dem Vergnügen der Freier als vielmehr dem der CIA-Wissenschaftler, die dahinter die Auswirkungen des Drogenrauschs filmten.

Mulholands Buch enthielt auch ein spezielles Kapitel mit Täuschungsmethoden, welche er speziell für Frauen entwickelt hatte. Zum einen boten Frauenkleider und Frauen-typische Gegenstände ganz andere tricktechnische Voraussetzungen als Männerkleidung etc.

In einem anderen, nicht von Mulholland stammenden CIA-Handbuch wurden ungleich pragmatischere Mord-Methoden beschrieben. So sei der Sturz aus dem Fenster ab einer bestimmten Höhe mit Sicherheit tödlich – und hatte den Vorteil, dass er nicht notwendig Spuren hinterließ und als Selbstmord erscheinen konnte. Exakt solch ein “Zwischenfall” überschattete 1953 den Beginn des MKULTRA-Programms, als der Militärbakteriologe Frank Olson durch das geschlossene Fenster aus dem 10.Stock eines New Yorker Hotels stürzte.

Olson hatte für die CIA u.a. LSD an sich selbst getestet und soll sich kritisch zum noch heute von den USA abgestrittenen Einsatz von biologischen Waffen im Koreakrieg geäußert haben. Der Fall ist noch immer mysteriös. Während die offizielle Darstellung einen drogenbedingten Unfall oder Selbstmord annimmt, der wegen dem damals streng geheimen MKULTRA-Programm insoweit vertuscht werden musste, geht Olsons Familie nach Exhumierung von Fremdverschulden aus. Bei Olson wurde ein Zettel mit der Aufschrift “JM” gefunden. In der späteren CIA-internen Untersuchung wurde klar, dass John Mulholland gemeint sein musste. Olson war an diesem Abend von Lashbrook begleitet worden, in dessen Notizbuch sich die Telefonnummer Mulhollands befand, was später Historiker auf die Spur der skurrilen Verbindung zu Mulholland bringen sollte. Noch erstaunlicher war der Zufall, dass sich Olson vor seinem Tod nach einem LSD-Trip, der ihn angeblich depressiv gemacht hatte, in ein Krankenhaus begeben wollte, wo ihn ausgerechnet ein Arzt empfangen sollte, dessen Vater mit Mulholland eng befreundet gewesen war: der Sohn des Zauberkünstlers und Romanautors Walter B. Gibson, bekannt durch seinen Mystery-Detektiv “The Shadow”, der wiederum dem Mentalisten Dunninger nachempfunden war.

Ein anderes Kapitel in Mulhollands Werk beinhaltete Vorschläge, wie man unauffällig kommunizieren könne, etwa um heimlich Kontaktleuten zu signalisieren, ob man beschattet würde, ein “toter Briefkasten” geladen sei oder eine Kontaktaufnahme gewünscht werde. Solche Zeichen benutzte auch Watergate-Whistleblower Mark Feld alias “Deep Throat”, um etwa durch einen Code mit seinen Balkonpflanzen Reportern Gesprächsbereitschaft zu signalisieren.

Der aus Sicht eines Zauberkünstlers interessanteste Abschnitt betraf die Irreführung möglicher Observanten durch Schmuggeln von Menschen sowie Austausch von Personen. Mit ähnlichen Tricks, wie Magier Personen von der Bühne verschwinden lassen, wollte auch die CIA den Augen ihrer Beschatter entkommen oder Agenten über die Grenze schmuggeln.

In den Jahren, in denen Mulholland für die CIA tätig gewesen war, konnte diese sich durchaus gewisser Täuschungsmanöver berühmen. So hatte die CIA 1954 einen Putsch in Guatemala gesteuert, wobei die entscheidende Schlacht überwiegend aus einer Desinformationskampagne bestanden hatte, welche die Regierungstruppen erfolgreich zum Desertieren bewegte. Hierzu hatte man unter anderem sogar Imitatoren bekannter Nachrichtensprecher eingesetzt, die im Radio Falschmeldungen verbreiteten.

1973 ordnete der inzwischen zum CIA-Chef aufgestiegene MKULTRA-Leiter Richard Helms die Vernichtung aller kompromittierenden Dokumente an. Einzig Mullhollands “CIA Manual of Trickery and Deception” wurde ausgenommen, verschwand jedoch über drei Jahrzehnte spurlos und wurde ein Mythos der Agency, das von vielen als Märchen abgetan wurde. Unter geheimnisvollen Umständen wurde Helms von Nixon nach dem Watergate-Skandal entlassen und musste sich in den folgenden Jahren parlamentarischen Untersuchungsausschüssen stellen. Der neue CIA-Chef William Colby hoffte, durch weitgehende Kooperation die Glaubwürdigkeit seiner Behörde als Instrument der Verfassung zu retten und die Zerschlagung der Organisation hierdurch zu verhindern. So wurden die mit der Mafia geschmiedeten Mordkomplotte gegen Castro bekannt; den TV-Kameras präsentierte ein Ausschuss auch eine Schusswaffe, welche vergiftete Projektile aus Eis verschoss, die sich im Körper des Getöteten insoweit spurlos auflösten. Auch Sidney Gottlieb musste vor dem Ausschuss persönlich erscheinen und auspacken. Veteran Helms jedoch zog es vor, die Geheimnisse der CIA weitgehend durch gewisse Gedächtnislücken zu schützen. Muholland hatte sein Geheimnis bereits 1970 mit ins Grab genommen.

Ein Teil des Aktenbestand über MKULTRA war versehentlich nicht vernichtet worden, da er in einem Archiv für finanzielle Angelegenheiten deponiert gewesen war und eigentlich kein streng geheimes Material hätte enthalten sollen. Die Dokumente, welche die delikate Verbindung der CIA zu Mullholland dokumentierten, wurden 1977 freigegeben.

Der ehemalige CIA-Mann H. Keith Melton, stieß 2007 auf das bislang als verschollen geglaubte, einzige Exemplar eines der Mulholland-Manuskripte. Gemeinsam mit CIA-Mann Robert Wallace, der bis 2003 dem Office of Technical Service (OTS) gedient hatte und insofern Gottlieb nachgefolgt war, veröffentlichte er Mulhollands “C.I.A. Manual of Trickery and Deception” im November 2009 mit einem halben Jahrhundert Verspätung als frei erhältliches Buch. Ein Vorwort steuerte der Amateurzauberkünstler John McLaughlin bei, der als Deputy Director schließlich 2004 die CIA nach Tenets Rücktritt übergangsweise geleitet hatte.

Auch die geheimdienstliche Forschung über Hellsehkünste erfuhr inklusive Drogenexperimenten eine Neuauflage. So initiierten die amerikanischen Geheimdienste in den 70er Jahren dem damaligen esoterischen Zeitgeist entsprechend ein bis in 90er Jahre anhaltendes Forschungsprogramm, das als Operation STARGATE bekannt wurde. Über das Hellsehen hinaus versuchte man auch, mittels Psychokinese zu töten, wozu die CIA sogar allen Ernstes den umstrittenen Wundermann Uri Geller anheuerte, der diesen Auftrag jedoch entsetzt ablehnte. Das Thema war vor einigen Jahren von Jon Ronson in seinem Buch “The Men Who Stare At Goats” bearbeitet worden, das gerade auf deutsch (Durch die Wand) erschienen ist und die Grundlage des gleichnamigen Films mit Goerge Clooney wurde, der kommendes Jahr auch in den deutschen Kinos zu sehen sein soll.

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